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Meditationsanleitung von Chögyam Trungpa


Beim stillen Sitzen, in dem du dem Atem folgst, wie er ausströmt und verfliegt, stellst du die Verbindung zu deinem Herzen her. Du lässt dich einfach sein, wie du bist, und daraus erwächst eine echte Sympathie für dich selbst. Chögyam Trungpa


Unser Leben ist eine endlose Reise; es ist wie eine breite Straße, die in endlose Ferne führt. Die Praxis der Meditation ist das Fahrzeug, mit dem wir auf dieser Straße reisen können. Unsere Reise ist ein ständiges Auf und Ab, erfüllt von Hoffnung und Furcht, aber es ist eine gute Reise. Die Meditation läßt uns überall den jeweiligen Straßenzustand erfahren, und nur darum geht es bei dieser Reise. Durch die Praxis der Meditation wird uns allmählich klar, daß wir uns im Grunde über nichts und niemanden zu beschweren brauchen.

Die Übung der Meditation beginnt damit, daß wir uns mit verschränkten Beinen auf den Boden setzen. Durch dieses einfache Auf-dem-Fleck-Sitzen bekommen wir ein Gefühl dafür, daß das Leben zu bewältigen, ja geradezu wunderbar sein kann. Du stellst fest, daß du zu sitzen vermagst wie ein König oder eine Königin auf dem Thron. Die Erhabenheit dieser Empfindung macht uns klar, wieviel Würde darin liegt, still und einfach zu sein.

Bei der Meditation ist die aufrechte Haltung ganz besonders wichtig. Der aufrechte Rücken stellt keine künstliche, sondern die dem menschlichen Körper natürliche Haltung dar. Unnatürlich ist vielmehr die schlaffe, gekrümmte Haltung. Mit eingesunkenem Brustkorb kann man nicht richtig atmen, und außerdem zeigt diese Haltung an, daß man seinen neurotischen Zügen die Herrschaft überlassen hat. Wenn du also aufrecht sitzt, erklärst du damit der Welt und dir selbst, daß du ein Krieger sein willst, ein ganzer Mensch.

Um den Rücken gerade zu halten, braucht man nicht krampfhaft die Schultern hochzuziehen. Das Aufrechte stellt sich ganz von selbst ein, wenn man ganz einfach, aber selbstsicher auf dem Boden oder einem Meditationskissen sitzt. In dieser Haltung fällt alle Verlegenheit und Unsicherheit von dir ab, und du brauchst den Kopf nicht zu beugen. Es gibt nichts, dem du dich beugen mußt. Dadurch richten sich die Schultern von selbst aus, und du bekommst ein Gefühl für Kopf und Schultern. Jetzt kannst du deine Beine ganz natürlich über Kreuz ruhen lassen; die Knie brauchen dabei nicht den Boden zu berühren. Die Hände werden mit den Handflächen nach unten leicht auf die Oberschenkel gelegt; das rundet unser Gefühl von einer guten, stabilen Haltung ab.

In dieser Haltung läßt man den Blick nicht einfach herumschweifen. Zu dem Gefühl, richtig da zu sein, gehört auch, daß der Blick leicht gesenkt bleibt, so daß er etwa zwei Schritte vor dem Sitzplatz den Boden «berührt». Dadurch vertieft sich noch das Gefühl der Entschlossenheit und Festigkeit. Man sieht diese königliche Haltung an ägyptischen, südamerikanischen und orientalischen Skulpturen - es ist eine wahrhaft universale Haltung.

Auch im täglichen Leben sollte man auf seine Haltung achten - wie man Kopf und Schultern hält, wie man geht, wie man Menschen anschaut. Auch wenn man nicht meditiert, kann man einen würdevollen Seinszustand wahren. Man kann tatsächlich über alle Verlegenheit und Unsicherheit hinauswachsen und mit Stolz ein Mensch sein. An dieser Art von Stolz ist nichts auszusetzen.

Wenn du nun deine Meditationshaltung eingenommen hast, achtest du auf deinen Atem. Wenn du atmest, bist du vollständig gegenwärtig. Du gehst mit dem Ausatmen, der Atem verfliegt, und dann geschieht das Einatmen ganz natürlich. Nun gehst du wieder mit dem Ausatmen, gehst mit dem Atem beständig aus dir heraus. Du löst dich auf, verströmst dich. Und wieder ganz natürlich das Einatmen, dem man nicht eigens zu folgen braucht. Man kommt einfach zu seiner Haltung zurück und ist bereit für das nächste Ausatmen, sssshuuu ... Mit dem Einatmen zurück zur Haltung. Sich mit dem nächsten Ausatmen auflösen, sssshuuu ... Und wieder zurück zur Haltung.

Dann stellt sich unweigerlich - bing! - ein Gedanke ein. Wenn das geschieht, sagt man sich einfach (nicht laut, sondern innerlich): «Denken!» Mit diesem schlichten Benennen schafft man sofort einen Abstand zu den Gedanken und kann zum Atmen zurückkehren. Wenn ein Gedanke uns ganz von dem entfernt, was wir gerade tun, wenn wir uns in Gedanken irgendwo in der Welt herumtreiben und kaum noch gewahr sind, daß wir auf dem Kissen sitzen, dann sagen wir uns «Denken» und holen uns zum Atem zurück.

Es spielt dabei keine Rolle, was für Gedanken man bei der Meditation hat. Ob es monströse oder hehre Gedanken sind, hier gelten sie alle gleichermaßen als bloßes «Denken». Sie sind weder verdienstvoll noch verwerflich, ob man nun daran denkt, seinen Vater umzubringen, Limonade zu machen oder einen Keks zu essen. Sei nicht schockiert über deine Gedanken: Jeder Gedanke ist bloß «Denken». Kein Gedanke ist eine Goldmedaille oder einen Tadel wert. Bezeichne ihn einfach als «Denken» und geh zum Atem zurück. «Denken» - zurück zum Atem. «Denken» - zurück zum Atem ...

Die Praxis der Meditation erfordert Präzision, sie muß punktgenau sein. Das ist harte Arbeit, aber wenn man sich stets die Wichtigkeit der Haltung vor Augen hält, werden Geist und Körper zur Übereinstimmung finden. Mit einer schlechten Haltung ist es, als wollte man einen lahmen Gaul vor einen schweren Wagen spannen - dabei kommt nichts heraus. Also setzt man sich erst einmal hin und nimmt die richtige Haltung ein. Dann arbeitet man mit dem Atem: Sssshuuu... auflösen mit dem Ausatmen, zurück zur Haltung; sssshuuu ... auflösen mit dem Ausatmen, zurück zur Haltung; sssshuuu ... Tauchen Gedanken auf, werden sie einfach als «Denken» benannt, und dann zurück zu Haltung und Atmung. Der Geist arbeitet dabei mit dem Atem, aber der Körper bleibt stets der Bezugspunkt im Hintergrund. Man arbeitet nie mit dem Geist allein, sondern immer mit Geist und Körper, und wenn die beiden richtig zusammenarbeiten, wird man sich nie von der Wirklichkeit entfernen.

Der ideale Zustand innerer Stille ergibt sich aus der Erfahrung der harmonischen Übereinstimmung von Geist und Körper. Arbeiten Geist und Körper nicht synchron, dann sackt der Körper zusammen und der Geist ist abwesend. Das ist wie bei einer schlechten Trommel: Paßt die Haut nicht zum Rahmen der Trommel, wird man nie den richtigen Spannungszustand herstellen können, sondern höchstens erreichen, daß die Haut reißt oder der Trommelrahmen bricht. Wenn Geist und Körper harmonisch zusammenwirken, führt die gute Körperhaltung dazu, daß der Atem ganz natürlich fließt, und der Geist hat stets einen Bezugspunkt, an dem er sich orientieren kann. Deshalb wird der Geist ganz natürlich der Ausatmung folgen.

Mit dieser Methode schult man sich, sehr einfach zu sein, sich nicht als etwas Besonderes, sondern ganz normal, super-normal zu fühlen. Du sitzt einfach - als ein Krieger -, und daraus erwächst ein Gefühl von persönlicher Würde. Du sitzt auf der Erde und erkennst, daß die Erde dir angemessen ist und du der Erde angemessen bist. Du bist da - ganz, persönlich, echt. Die Meditationspraxis der Shambhala-Tradition will den Menschen zu Aufrichtigkeit und Echtheit erziehen, zur Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst.

In einer gewissen Hinsicht haben wir durchaus eine Bürde zu tragen: Wir müssen es auf uns nehmen, dieser Welt zu helfen. Unsere Verantwortung gegenüber anderen dürfen wir nicht vergessen. Aber wenn wir diese Bürde freudig auf uns nehmen, können wir die Welt wirklich befreien. Den Anfang müssen wir bei uns selbst machen. In der Offenheit und Ehrlichkeit uns selbst gegenüber können wir lernen, auch für andere offen zu sein. Auf der Grundlage des Gutseins, das wir in uns selbst entdecken, können wir dann mit dem Rest der Welt arbeiten. Deshalb ist Meditation ein ausgezeichneter Weg zur Überwindung des Krieges - unseres persönlichen Krieges wie des großen Krieges der Völker.



Aus: Shambhala. The Sacred Path of the Warrior




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