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Die Wahrnehmung eines Arhats

aus dem Buch 'Tibetische Weisheitsgeschichten' von Surya Das


Der Bettelmönch Katyayana war ein Schüler von Gautam Buddha und lebte im fünften Jahrhundert vor Christi Geburt. Katyayana wurde von Gautam Buddha persönlich eingeweiht und im Lauf seines langen Lebens als 'Befreiter Arhat' in Indien berühmt - als ein weiser Mann, der über die endlosen Zyklen von Geburt und Tod hinausgegangen und frei von Illusionen ist. Wie viele Erleuchtete, entwickelte der Arhat Katyayana außergewöhnliche Kräfte, die er jedoch nur zu Lehrzwecken benutzte und ansonsten, so gut es ging, vor uneingeweihten Menschen verbarg. Es heißt, daß Katyayana seinen Gedanken und Wünschen materielle Gestalt verleihen konnte, wenn er gewollt hätte. Aber anstatt nach weltlicher Macht zu streben, zog er es vor, frei und meistens unerkannt von Ort zu Ort zu ziehen und sich von den Abfällen seiner Gesellschaft zu ernähren, wie schon sein Meister vor ihm.

Auf einer seiner Bettelrunden begegnete Katyayana einmal einer Frau, die auf einem niedrigen Schemel vor ihrer Haustür saß und gerade dabei war, einen gekochten Fisch zu verzehren. Die Frau hatte einen Säugling an der Brust und wurde von einem Hund umkreist, dem sie die abgenagten Reste des Fisches zuwarf. Aber der Hund wollte mehr und bestürmte die Frau so lange mit seinen kläffenden Bitten, bis sie ihn mit einem kräftigen Fußtritt zur Seite trat.

Im Angesicht dieser Szene brach der ehrwürdige alte Arhat in amüsiertes Gelächter aus.

»Was findest du so lustig?« fragte die Frau stirnrunzelnd.

Aus unerfindlichen Gründen bedeutete ihr die Meinung dieses alten Bettelmönches plötzlich mehr als jede andere.

Katyayana antwortete mit einem Vers:

»Da sitzt es und nagt seinem Vater die Gräten ab, tritt seine Mutter mit dem Fuß beiseite und nährt den Feind an seiner Brust. Oh, welch ein plastisches Melodrama - welch ein phantastisches Spiel treibt das Eine, das die Gestalten aller beseelt.«

Der Arhat hatte mit der unfehlbaren Weitsicht seines Stirnauges erkannt, daß das Baby der Frau die Wiedergeburt ihres einstigen Erzfeindes war. Der gekochte Fisch war in einem früheren Leben ihr Vater gewesen, und der Hund war niemand anderer als die unlängst verstorbene Mutter der Frau, deren Tod sie heute noch betrauerte. In ihrer Unbewußtheit hatte sie das Fleisch ihres Vaters verzehrt und die abgenagten Reste ihrer verehrten Mutter zugeworfen, während sie einen einst verhaßten Menschen erneut zur Welt gebracht hatte und nun mit Muttermilch ernährte.

Ob die Frau eine Lehre aus den Worten des weisen Mannes zog, weiß man nicht, aber seinen Schülern erzählte Katyayana die Geschichte noch häufig - und daß viele von ihnen die Befreiung vom Rad des Samsara erlangten, ist gewiß.

 




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